05.10.2018

Keine Zinswende vor 2019

Dieser Mann kann mit nur einer Aussage die Märkte bewegen. Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) tat dies Ende September, als er im Rahmen einer Anhörung von einer steigenden Inflation im Euroraum und steigenden Löhnen aufgrund einer Verknappung des Arbeitsangebotes sprach. Die Märkte reagierten sofort: Die Zinsen für Staatsanleihen im Euroraum wurden beflügelt, die Aktienmärkte gaben nach.

Das unbeugsame Programm der EZB

Eine steigende Inflation: Das ist genau das, was die EZB anstrebt. Knapp unter zwei Prozent soll sie liegen, damit die geldpolitische Zinswende gestartet werden kann. Wer jetzt aber erwartet, Draghi würde seinen Plan, erst 2019 den ersten Zinsschritt zu wagen, irgendwie abändern, sieht sich getäuscht. Es bleibt alles so, wie beschlossen. In der Sitzung am 13. September behielt die EZB die nächsten Schritte fest im Blick: Das Anleihenaufkaufprogramm werde zum Jahresende eingestellt und bereits im Oktober auf die Hälfte (dann also 15 Milliarde Euro) reduziert. 2019 sollen die Nullzinsen endgültig abgeschafft werden, wann genau, das weiß noch keiner.

Eine geldpolitisch geteilte Welt

Wenn man die USA und Europa betrachtet, haben wir es mit einer geldpolitischen Teilung zu tun. Während hierzulande alles im Schneckentempo vorangeht, gibt die Fed in den USA noch einmal Dampf auf den Kessel. Da kann Donald Trump noch so zetern und kritisieren: Fed-Präsident Jerome Powell lässt das kalt. Ende September erhöhte er zum dritten Mal in diesem Jahr die Leitzinsen – auf nun 2,0 bis 2,25 Prozent. Viele Kritiker befürchten, dass er damit die USA in eine neue Rezession führen könnte, denn in diesem Jahr ist noch eine weitere Leitzinserhöhung geplant und im kommenden Jahr drei weitere. „Die Wirtschaft ist stark“, ist sich Powell sicher – und das mag wohl auch für ihn selbst gelten. Immerhin demonstriert er mit seiner Immunität gegen Trumps Kritik die Unabhängigkeit der Währungshüter von der Politik.

Studie: Protektionismus schädigt vor allem die USA

Der Handelsstreit der USA mit China und anderen Ländern könnte vor allem Trump selbst treffen, wie eine aktuelle Studie der EZB zeigt. Dabei wurde simuliert, wie die USA dastehen würden, wenn sie einen zehnprozentigen Zoll auf alle Importe aus einem bestimmten Land erheben würden – und das betreffende Land dann exakt gleiche Vergeltungsmaßnahmen anzetteln würde. Heraus kam, dass die Nettoexporte der USA viel stärker sinken würden als bei den anderen Ländern. Insbesondere wegen geringerer Investitionen der Wirtschaft und weniger Beschäftigung werde der negative Effekt noch verstärkt.

„Eine Wirtschaft, die einen Zoll erhebt, der zu Vergeltungsmaßnahmen durch andere Länder führt, ist eindeutig schlechter dran. Der Lebensstandard sinkt, und Arbeitsplätze gehen verloren", berichten die EZB-Ökonomen Allan Gloe Dizioli und Bjoern van Roye. Heißt der US-Konkurrent China, würde die chinesische Wirtschaft trotz der US-Zölle sogar schneller wachsen, weil das Riesenreich mit anderen Ländern Handel treiben könnte, für die ähnliche US-Waren aufgrund der Zölle zu teuer sind.


Quelle: ImmobilienScout24, Baufinanzierung-Newsletter 10/2018

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